Dumm gelaufen
 

GEORGE F. WALKER
DUMM GELAUFEN
(TOUGH!) 1992

Eine Studioinszenierung
Regie: Holger Warnecke
Premiere: Di. 8. Mai 2007, 20:00
SOWIE: 10. und 11. Mai 2007 jeweils 20.00



INHALT
DUMM GELAUFEN (tough!) gehört zu George F. Walkers Dramenzyklus „East End Plays“. Auf einem Platz mitten im urbanen Dschungel treffen sich an einem Nachmittag drei neunzehnjährige Teenager. Tina hat ihren festen Freund Bobby zu einer Aussprache bestellt und als Verstärkung ihre enge Freundin Jill mitgebracht.


 

Kurzvideo zum Theaterstück
(bitte Foto rechts anklicken!)


Rezension:

Gar nicht dumm gelaufen



Tina sitzt. Sitzt nur da. Sie hat einen roten Blecheimer auf dem Kopf, sie ist „abgetaucht“. Bobby, Tinas Freund, streichelt zögerlich den Eimer an der Stelle, wo er ihre Wange vermutet. – Ein starkes und eingängiges Bild, das dem Zuschauer so schnell nicht aus dem Kopf gehen will, versinnbildlicht es doch drastisch, dass da etwas zwischen diese beiden Liebenden gekommen ist.

„Dumm gelaufen“, wie der Titel des Stücks von George F. Walker passenderweise lautet, ist es für beide: Bobby hat auf einer Party mit einer anderen „rumgemacht“, und Tina hat gerade erfahren, dass sie schwanger ist. Jill, Tinas beste Freundin und zugleich Bobbys beste Feindin, hat Bobbys Eskapade beobachtet und ihrer Freundin brühwarm erzählt. Nun wittert Jill Morgenluft und sieht eine willkommene Gelegenheit, ihre Freundin von einer Liebe zu „befreien“, die sie nie verstanden hat. Gemeinsam nehmen sie den völlig übertölpelten Bobby in die Zange: Kabale und Hiebe. Liebe? Das naive Verliebtsein ist plötzlich nur noch eine abgeschmackte Erinnerung („Ich hab’ mich in ihn verliebt, weil er beim Sex geweint hat.“), und die Gretchenfrage nach der Zukunft mit dem Baby treibt einen Keil zwischen das eben noch so unbeschwerte Paar.

Zugegeben, Bobby windet sich wie ein Aal. Aber so sehr Tina ihn anfänglich auch auffordert, sich seiner Verantwortung zu stellen, so wenig gibt sie ihm am Ende wirklich eine Chance, in die neue Rolle hineinzuwachsen. Wenn sie ihm schließlich an den Kopf wirft, dass sie – wenn sie denn wollte – abtreiben lassen würde, egal was er davon halte, dann reduziert sie seine ursprünglich so vehement eingeforderte Vaterrolle auf eine entbehrliche Statistenrolle und die Beziehung scheitert vielleicht nicht an Bobbys Unentschlossenheit, sondern eher an ihrem mentalen Blecheimer über dem Kopf.

Holger Warnecke, Theaterpädagoge und Lehrer an der Goetheschule, hat dieses Jugendstück mit viel Verve inszeniert. Uljana Grudentaler (Tina), Astrid Schmidt (Jill) und Alexander Pilevski (Bobby) wirbeln nur so über die Bühne und entfalten eine unbändige Energie, verharren aber auch immer wieder in eingängigen Standbildern. Diese wirken und weisen weit über das Stück selbst hinaus, indem beispielsweise ein Cola-Kampftrinken das (zumindest medial) allbekannte Flatrate-Komasaufen zitiert und ironisiert.

Szenen werden durch geschickt ausgewählte Musikeinspielungen unterbrochen oder auch untereinander verbunden. Bei Gloria Gaynors legendärer Trotzhymne aller verletzten Liebenden „I will survive“ (als flippige Coverversion von Cake) und dem Fetenhit „Boys don’t cry“ von den unsterblichen The Cure dürften wohl so manchem Ü-30er wohlige Schauer über den Rücken gelaufen sein. Das Bühnenbild ist ideenreich und zugleich spartanisch gehalten, was dem Zuschauer die Konzentration auf Wesentliches erlaubt: entfesselte Darsteller und Dialoge wie Maschinenpistolen.

Fazit nach 80 kurzweiligen Minuten: Gar nicht dumm gelaufen. „Weiter so!“, möchte man allen Beteiligten beim langen Schlussapplaus zurufen.








                                               Text: Das Streifenhörnchen                       
                                               Fotos: Holger Warnecke/Constanze Krohne   

 

 

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